Vom Protest zum Widerstand – Von der Tragödie zur Farce

Der Frankfurter Flughafen wird ausgebaut, im Norden bei Kelsterbach wird Wald für eine weitere Landebahn gerodet, im Süden bei Walldorf werden nach dem bereits 2007 erfolgten Bau der A380-Halle neue Frachtflächen betoniert, wenig später ein riesiges drittes Terminal entstehen. Die Ausbaugegner geben Durchhalteparolen aus, dabei ist die Niederlage der Bürgerinitiativen und Anliegergemeinden absehbar total, nennenswerte Rücksichten auf andere als unmittelbar ökonomische Interessen haben weder die Planungsbehörden noch die Landesregierung, weder Fraport noch die Gerichte genommen. Der rechte Flügel der Bürgerinitiativen war nach dem Ende der juristischen Auseinandersetzungen kleinlaut geworden, wenn er auch nicht aufhörte, sich im Recht zu fühlen. Mit der Zahl der Instanzen wächst die Narrenfreiheit. Da das europäische Recht noch weniger bekannt ist als das deutsche, lässt sich umso besser von seinen wohltuenden Wirkungen träumen. Der linke Flügel bemühte sich unterdessen, seine Agitation zu radikalisieren, redete immer häufiger von Profit, Kapitalismus oder der totalen Verwertung. In blanker Panik griff man nach allem, was zur Hand war. Doch der Inhalt ging nach wie vor nicht über die Phrase hinaus. So wenig sie den Gegenstand trifft, so wenig erfolgreich ist die durch sie geleitete Praxis. Der Vorteil der auf diese Weise und durch den Polizeirummel wie Fliegen vom Licht Angelockten bestand darin, von gar nichts eine Ahnung gehabt zu haben. Sie landeten ohne Umwege bei den dümmsten populistischen Phrasen vom Wort- und Rechtsbruch durch Koch und Fraport und brachten ihre radikalen Fibelweisheiten unter die im Matsch hockenden Gitarren- und Tamburinspieler.
Sie ist total auch deshalb, weil sie die Vernichtung der Bewegung gegen die Startbahn 18 West besiegelt, zu deren Inhalten und Resultaten sie niemals ein kritisches Verhältnis einzunehmen verstanden. Zwischen Scylla und Charybdis, Dämonisierung und besinnungsloser Identifikation führte kein Weg hindurch. Anhand des Flughafenausbaus wird beeindruckend demonstriert, was Diktatur des Kapitals bedeutet, aber auch, dass Schläge auf den Kopf eben nicht die Einsichtsfähigkeit fördern, sondern höchstens den Blutdruck. Was zwischen 1977 und 1982 als Tragödie sich abspielte, wiederholte sich 2008 als Farce. Der Citoyen trat erneut dem Citoyen in Uniform, der Bourgeois dem Bourgeois in Nadelstreifen, die „Menschen der Region“ ihren eigenen, organisierten und von ihnen getrennten Gestalten gegenüber: Der ökonomischen und politischen Gewalt. Was aber damals als Naivität und berechtigte Illusion passieren konnte, ist heute vorsätzliche Realitätsverweigerung, was Mut und Aufrichtigkeit war, ist Verstocktheit und Verweigerung gedanklicher Reflexion geworden. Was den Linken unter den Bürgerinitiativen vorzuwerfen ist, ist nicht die erneute Niederlage, es ist die Tatsache, dass sie sich in keinem Augenblick darüber Rechenschaft ablegten, was ihre Aufgabe und was ihre Möglichkeiten waren. Dass sie mit 30 Jahren Widerstand gegen den Flughafenausbau, 30 Jahren Niederlage nicht mehr anzufangen wussten als weiter so. Da will isch am liebste glei wieder raus in de Wald, wenn isch des hör, dröhnte es 1999 auf einer Veranstaltung Frankfurter Autonomer zum Ausbauprojekt, in Gedanken bauten BI-ler schon wieder Hüttendörfer, wurde alte Unterstützer wieder ausgegraben: lebt denn der Udo Lindenberg noch? Während also die Linken das Wiederaufleben vergangener Tage herbeiträumten, der besten Tage ihres zunehmend überflüssigen Daseins, versteifte der rechte Flügel sich von Beginn an auf die Sackgasse der juristischen Auseinandersetzung, schuldig gewordene Romantik und Philistertum. Sie gefielen sich in Bilderproduktion, aktionistischem Budenzauber und Nadelstichaktionen, die gängige mediale Manipulationspraxis auf niedrigem Niveau bewusstlos nachahmend, die Menschen zur Manövriermasse machend und auf diese Weise bestätigend, dass man mehr als ein Schatten der Bewegung gegen die Startbahn 18West nicht zu sein wusste, in kleinbürgerlicher Kraftmeierei andererseits engagierte er „die besten Anwälte“, Gestalten, deren Denk- und Aktionsradius über die juristische Ideologie, bzw. den Gerichtsaal nicht hinausgeht und für deren große Auftritte Gerichte und Planungsbehörenden eigene Tagesordnungspunkte zu führen pflegen – TOP 2: Dampf ablassen. Gemeinsam produzierte und attestierte man die Entmündigung der vielen. Wer in die Gesichter sah, welche die ebenso eitlen wie wirkungslosen Auftritte dieser Stars begleiteten, der mag begreifen, wie weit der Weg aus dieser Entfremdung ist, deren vorerst letztes Produkt der Protestautomat ist, ein Computerprogramm, entsprungen den Träumen eines Rechtsanwalts, das Einwendungen gegen Großprojekte per Knopfdruck erstellt. Wie praktisch. (mehr…)

Der ehrbare Antisemitismus

Kommentar zum Artikel „Das gegossene Blei hat viele verbrannt“ aus dem aktuellen „Blickpunkt – Stadtzeitung der DKP für Mörfelden-Walldorf“, Ausgabe 02/2009.

Dieser Kommentar enthielt mißverständliche und unkorrekte Formulierungen und wird daher überarbeitet.
Wir halten ihn jedoch weiterhin für ein Dokument des linken Antisemitismus. Mehr demnächst.

Neue Kategorie: Die hessische Ramschkiste

Kommentar zum Frankfurter Polit-Leichenumzug am 14. Januar

Zum besseren Verständnis: Alle eingerückten und kursiv gedruckten Stellen sind dem Aufruf der „autonomen antifa (f)“
entnommen. Der nicht eingerückte Text ist der Kommentar des „Freundeskreis Weltcommunismus“.

Alles muss man selber machen:
Sozialen Fortschritt erkämpfen – für den Kommunismus!

Die Forderung nach dem Absoluten, über das man absolut nichts zu sagen weiß. Der Kommunismus hierin als äußerliches Ding gesetzt, dem man beistimmt, zujubelt etc., und zwar selber. So tritt die Sehnsucht nach dem Kommunismus als Sehnsucht nach dem kommunistischen Staat hervor, der auch das noch für sie macht. Wo alle für den Kommunismus sind, ist niemand Kommunist. Sozialer Fortschritt ist die geniale Phrase derjenigen, die keine Ahnung haben, worin dieser bestehen könnte. Der Vorteil: Es ist schwer, jemanden aufzutreiben, der sich dem sozialen Fortschritt verweigern möchte – und schon ist ein grandioser Sieg errungen.

Aufruf der autonomen antifa[f]
 
„Die Zukunft kommt von allein, der Fortschritt nicht.“ (Lukács) 
Für den 14. Januar ruft ein breites Bündnis linker Gruppen und Initiativen in Frankfurt/Main zur einer Demo unter dem Motto „Alles muss man selber machen: sozialen Fortschritt erkämpfen“ auf. Vier Tage vor den hessischen Landtagswahlen wollen wir damit ein klares Signal setzen: Weder sind wir den gesellschaftlichen Entwicklungen ohnmächtig ausgeliefert, noch reicht es, alle Jubeljahre zur Wahl zu gehen in der Hoffnung, „die da oben“ mögen es schon richten. Ganz im Gegenteil musste bisher noch jeder soziale Fortschritt von einer außerparlamentarischen Linken erkämpft werden.

Es reicht nicht heißt: Geht zur Wahl, begleitet aber das parlamentarische Gewese mit Protesten. Diese sorgen dann dafür, dass der „soziale Fortschritt“ vom Parlament beschlossen wird. Mitmachtheater wie in der Rocky Horror Picture Show, wo das debile Publikum auf´s Stichwort Sachen auf die Bühne wirft und krakeelt. Wo noch drückt der Schuh? Die Wahl findet alle Jubeljahre statt, also zu selten. Eine Kritik des Parlamentarismus, die wirklich wieder mal auf´s Ganze geht.

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Israel

„Überall führt der Weg zum Communismus über einen
Angriffs- und Verteidigungspakt mit der Wahrheit.“

Aus aktuellem Anlass und angesichts der dumm-dreisten bis wahnhaften
Lügen über die israelische Militäroffensive in Gaza folgender Link:

www.hagalil.com

Wir sind uns bewusst, dass nur der kleinste Teil der „Friedens“freunde
sich durch Argumente von seiner antisemitischen Alltagsreligion abbringen lassen wird.

Die Mörfelder Variante des pfäffischen Kommunismus

„Er nimmt auf den ersten Blick wahr – und es gilt ihm sein erster Blick stets als Scharfblick“ (Marx)

Alle kursiv gedruckten Stellen sind, sofern nicht anders gekennzeichnet, Zitate aus dem Artikel „Der Irrsinn des Stadtmarketing“, erschienen im „Blickpunkt – Stadtzeitung der DKP für Mörfelden-Walldorf, Ausgabe 7/2008“.

Wie wir alle wissen, leiden die Millionäre und noch mehr die Milliardäre – meist Unternehmer – bittere Not.

Mit diesem Kalauer schmeißt der Autor sich gleich zu Beginn an das vorsorglich eingemeindete („wir alle“) Publikum heran. Die Manipulation seiner Gemeinde, nicht die grausam-gründliche Kritik der Halbheiten und Schwächen unmittelbar-proletarischen Bewusstseins ist seine Mission. Der Leninist verdrängt die marxsche Erkenntnis, wonach das Proletariat revolutionär ist – oder nichts. Vor der Wahrheit fürchtet er sich stets.

Nennen wir sie aus Platzgründen: Wirtschaft. Der Wirtschaft geht es so schlecht, daß sie von unserem kleinen Städtchen gefördert werden muß.

Die Halluzination des volksgemeinschaftlichen Dörfchens, das keine Klassen kenne und sich gegen die außer ihm und seiner Reproduktion existierende „Wirtschaft“ behaupten solle, bildet den Kern der Weltanschauung des Autors. „Wir“, d.h. die Dorfgemeinschaft aus Asterix, Obelix und dem stinkenden Fischhändler, gegen „die“ Römer, resp. Wirtschaft. Des Autors Staatsfetischismus wird von keinem Schullehrbuch überboten, nur weist er in eine andere Richtung. Aber wegen der Dorfdimensionen dieses Denkens und der niedlichen Erzählung, in der er sich präsentiert, fällt das nicht sofort auf. Das „Städtchen“, also der Bourgeois in seiner Staatsbürgerhaut, soll nicht die Wirtschaft fördern, sondern die Proleten. Dies ist nicht nur ebenjener Kot, mit dem die Sozialdemokratie seit jeher sich und das Proletariat einschmiert, es ist auch kompatibel mit dem faschistischen Staatsideal. Was soll man jemandem sagen, dessen ganzes Verständnis von „Wirtschaft“ nicht über das hinausgeht, was am Stammtisch in der Wirtschaft über sie zum Besten gegeben wird, und der sich partout weigert, ein Argument, das seine geschlossene und (darum) harmonische Weltanschauung durcheinander bringt, zuzulassen? Was soll man jemandem sagen, der mit den Bürgern darüber streiten möchte, ob es „der Wirtschaft“ „gut“, „schlecht“ oder eher „mittel“ gehe, ebenso wie die von Berufs wegen um Ausgleich bemühten Pfaffen und Professoren es tun?

Der Autor also, der die Pose des furchtlosen Kritikers, der nichts und niemanden scheut, liebt, vertritt die knallharte These, dass es der Wirtschaft nicht schlecht gehe, dass die Wirtschaft die Reichen sind und diese den Hals nicht voll genug bekommen können, dass Staat und Politik ihnen dabei helfen, den Armen das Geld abnehmen um noch reicher zu werden usw. usf.
Diese pseudo-radikalen Phrasen, hinlänglich bekannt aus so rastlos kritischen Publikationen wie dem „Spiegel“, deren Armseligkeit durch die sittliche Entrüstung des Autors, des über alle moralischen Zweifel erhabenen Hirten des Proletariats, der sich auch nie hat verbiegen lassen, überdeckt werden soll, bilden den ganzen Inhalt des Artikels. Die Abwehr von Kritik „ist gewöhnlich die erste Reaktion des Wissens, dem man etwas bis dahin Unbekanntes vorführt, und das, um seine eigene Freiheit zu retten, seine eigene Art, die Dinge zu sehen, seine eigene Autorität gegen eine fremde durchzusetzen (denn unter diesem Aspekt stellt sich dar, was zum ersten Mal gelernt wird)“ (Hegel). Doch wird die Dialektik des Erkenntnis- und Bewusstseinsprozesses dort still gestellt, wo behauptet wird, dass letztlich das Kapital, i.e. nach Auffassung dieses Autors: die Kapitalisten, „bestimmt wo’s lang geht“. Sie verkommt zur irdisch getarnten, im Kern jedoch metaphysischen Pseudodialektik und alle Widersprüche werden um der Aufrechterhaltung des eigenen „Standpunktes“ willen in die Willkürherrschaft der Kapitalisten aufgelöst. Hier regieren der Wahn, das Ressentiment, die Stimmung der Gemeinde und immer auch die „Tageslosung“.

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Attack is the best defence!

Gefundenes Flugblatt anlässich des angekündigten, aber abgesagten Auftrittes
der NPD in Mörfelden-Walldorf:

Aus der Geschichte lernen…
…den Nazis die historische Rechnung präsentieren!
„Das Subjekt historischer Erkenntnis ist die kämpfende, unterdrückte Klasse selbst. Bei Marx tritt sie als die letzte geknechtete, als die rächende Klasse auf, die das Werk der Befreiung im Namen von Generationen Geschlagener zu Ende führt. Dieses Bewußtsein, das für kurze Zeit im ‚Spartacus‘ noch einmal zur Geltung gekommen ist, war der Sozialdemokratie von jeher anstößig. Im Lauf von drei Jahrzehnten gelang es ihr, den Namen eines Blanqui fast auszulöschen, dessen Erzklang dasvorherige Jahrhundert erschüttert hat. Sie gefiel sich darin, der Arbeiterklasse die Rolle einer ErlöserinkünftigerGenerationen zuzuspielen. Sie durchschnitt ihr damit die Sehne der besten Kraft. Die Klasse verlernte in dieser Schule gleich sehr den Haß wie den Opferwillen. Denn beide nähren sich an dem Bild der geknechteten Vorfahren, nicht am Ideal der befreiten Enkel.“ (Walter Benjamin)

Am Nachmittag des 22. Januar 2008 wollen die Neonazis von der NPD in Mörfelden und Walldorf Wahlkampfkundgebungen abhalten. Ein Verbot, so hat die Erfahrung gezeigt, würde von den Angestellten der Justitia aufgehoben werden.
Aber welches Urteil soll man auch erwarten von einer, die nicht sehen will, und deren Maß für Gerechtigkeit eine Waage ist. Was zählen schon die Qualen der jüdischen ZwangsarbeiterInnen des Walldorfer KZ-Außenlagers, was gilt der Mord an den jüdischen BürgerInnen Mörfeldens? Was wiegt die Folterung der Mörfelder Antifaschisten, was wiegt die Todesangst der Menschen, die vom Anhang der NPD bespuckt, wie Vieh gejagt, angezündet, zu Tode getreten werden? Justitia sieht sie nicht und wiegt sie nicht, und dem Bürgermeister fehlt die Courage, ihren Angestellten das wenigstens unter die Senatspräsidentennase zu reiben. So könnte sich wiederholen, was nie hätte passieren dürfen: Der Staat ebnet, wie schon
1933, den Nazis den Weg – auch nach Mörfelden. Das Recht sagt: Die Vorbereitung von rassistisch und antisemitisch motiviertem Massenmord ist eine bloße Meinung, die als solche Schutz genießt?, den Nazis soll kein Haar gekrümmt werden? Gut. Aber welches Urteil werden die Mörfelden-Walldorfer fällen?, was werden SIE sagen? (mehr…)

Opium für’s Volk

dazu verkommt Marx bei der Rechten wie Linken, wehren kann er sich ja nicht mehr. Der kleine Unterschied ist einer ums Ganze, der zwischen historisch-materialistischer Wissenschaft und Weltverschwörung. Alle Kritik beginne mit der Kritik der Religion, so Marx, weil erst damit der lebendige, tätige, irdische Mensch zum Gegenstand der Kritik werde. An die Stelle der Spekulationen über phantastisch-sinnlose Gestalten – Götter – sollte die Analyse ihres weltlichen Entstehungsprozesses treten. Die Kritik der Religion war mit Feuerbach daher nicht erledigt. Ihre theoretische Vollendung wurde erst möglich, nachdem Marx das himmlische Leben nicht nur als Produkt des weltlichen, sondern dieses zugleich als zerrissenes, widersprüchliches und daher des himmlischen Beistands bedürftiges erkannte: Diese [die weltliche Grundlage] selbst muß also in sich selbst sowohl in ihrem Widerspruch verstanden als praktisch revolutioniert werden.
Der Pfaffe wird überall da gerne gesehen, wo Menschen schwach sind. An den Rändern des Daseins, wo Elend und kein Wissen ist, wird Glauben sein. Seit jeher bestimmt sich Religion negativ als der Bereich, wo nicht mehr gewusst wird. Sie ist ein Anhängsel des Wissens. Dass, anders als vielfach vorhergesagt, die Menschen von Religion sich nicht befreit haben, stattdessen Religionsfreiheit verteidigen, liegt an den keineswegs durchsichtiger und menschenfreundlicher gewordenen Verhältnissen. Im Gegenteil. Die gewachsene Macht der Gesellschaft über die Natur ist erkauft mit der Ohnmacht des Einzelnen und der vollständigen Unterwerfung unter das Kapital.
Die existenziellen Ängste sind nicht beseitigt: Die vor der eigenen Vernichtung durch das Kollektiv, Folter, Krankheit, Ausschluss, Obdachlosigkeit, Hunger. Die bürgerliche Gesellschaft ist die unübersichtlichste Veranstaltung, die die Menschheit je zu Stande gebracht hat. Sie ist nicht nach einem Plan, sondern naturwüchsig, chaotisch, entstanden, wenn auch (im Rückblick) nicht zufällig. Ihre Ökonomie funktioniert bis heute nach Gesetzmäßigkeiten, die sich unabhängig vom Wissen und Wollen der Menschen durchsetzen, die niemand zu kennen braucht und die in der Tat, bis Marx, auch der Wissenschaft verborgen blieben. Um z. B. Geld zu brauchen, musste man nicht wissen, was Geld ist. Mehr noch. Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse sorgen dafür, dass ihr Wesen ganz verkehrt erscheint. So heißt es im ersten Band des „Kapital“: Diese imaginären Ausdrücke entspringen jedoch aus den Produktionsverhältnissen selbst. Sie sind Kategorien für Erscheinungsformen wesentlicher Verhältnisse. Daß in der Erscheinung die Dinge sich oft verkehrt darstellen, ist ziemlich in allen Wissenschaften bekannt, außer in der politischen Ökonomie. Wenn Wesen und Erscheinung zusammenfielen, so Marx an anderer Stelle, wozu dann Wissenschaft? Der Augenschein ist der Grund der meisten schier unausrottbaren Irrtümer: Die Sonne drehe sich um die Erde, die Erde sei eine Scheibe, Ratten übertrügen die Pest. Es bedurfte der Wissenschaft, um das Gegenteil und damit das wirkliche Verhältnis zu enthüllen. Zu den Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Produktionsweise gehört das Anwachsen des gesellschaftlichen Reichtums auf dem einen, das Anwachsen von Ohnmacht, Unwissenheit, Armut und Brutalität auf dem anderen Pol. Das sieht man. Warum das so ist, sieht man nicht. Darum sind die Scheinlösungen des Problems, von Nächsten- und Vaterlandsliebe, über Grundgesetz und Grönemeyer, bis Papst und Pups, nicht totzukriegen. Statt über den Grund für das permanente Scheitern nachzudenken, reiht man Gestaltungsvorschlag an Reformidee und veranstaltet Protestlindwürmer (ver.di) bis der Notarzt kommt. Sie haben nichts verstanden. In Sachen politischer Ökonomie regrediert die Menschheit auf eine längst überschrittene Stufe, der Rückkehr der Kosmologie zum Ptolemäischen Weltbild vergleichbar. Das ganze Spektrum der modernen Philosophie, ökonomischen und politischen Theorie etc., bildet sich aus hunderten kläglichen Versuchen, die immer selbe Frage zu beantworten: Wie lassen sich die auf der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft chaotisch erscheinenden Phänomene in einen systematischen Zusammenhang setzen? Das Scheitern dieser Versuche lässt sich meist daran erkennen, dass Zusammenhänge zwischen verschiedenen Phänomenen erschlichen werden. An einem Punkt der Theorie wird die begründete Entwicklung unterbrochen und unvermittelt, durch Analogie, Kurzschluss oder sprachliche Tricks, ein Phänomen eingeschmuggelt, dessen Notwendigkeit aus dem bisher gegebenen gar nicht ersichtlich ist. Verpasst man diesen Ausgang, dann bleibt man leicht in dem flott weitergesponnenen Garn dieser „Esos“ hängen. Hier sammelt sich alles Unappetitliche und von der Geschichte bereits ausgeschiedene: Antisemiten, Faschisten, Pfaffen, Speichellecker aller Art, Demokraten, Ökonomie-Doktoren, schließlich auch Sozialisten und Verschwörungstheoretiker. Sie tun sich groß mit dem Verbreiten ihrer eigenen Unwissenheit, dünken sich dabei allesamt kritisch, ohne jemals wenigstens die einfachsten ökonomischen Verhältnisse zu begreifen. In vieler Hinsicht sind sie untereinander kompatibel. Opium für´s Volk (Von den Toten Hosen über die Böhsen Onkelz bis hin zu DKPlern), so lautet die älteste Kritik an Religion, welche damit zu einer Verschwörung der Priesterkaste wird. Sie ist die erste Verschwörungstheorie und zugleich selbst eine moderne Religion. In ihr dreht sich alles um den großen Unbekannten, der irgendwo im Verborgenen sein Unwesen treibe. Sie ist der Opiumersatz des Atheisten, weil sie von eigener Verantwortung entlastet (das Kapital lenkte, Hitler log), von anstrengender Denkarbeit enthebt und in die Wärme einer eingeweihten Gemeinschaft führt. Religion ist das Opium des Volks – mit Marx beginnt die Kritik auch der Verschwörungstheorie.
Der Verschwörungstheoretiker drängt sich zusammen mit dem Paffen überall dort hinein, wo sich rationale Erklärungen nicht (oder nicht sofort) finden lassen oder schwer zu akzeptieren sind. Er beutet das subjektive Bedürfnis nach Schuldzuweisung und Bestätigung der eigenen Vorurteile aus. Aber er drängt nicht nur, er wird auch sehnsüchtig erwartet. Der kleine Mann (DKP), zu dem auch Sozialisten heute das Proletariat machen, wird zum bloßen Objekt der Geschichte herabgesetzt, um sich zugleich als dessen mitfühlender Anwalt und Fürsprecher anzubieten. Der Guru und Die Partei sind nur zwei Gestalten ein und derselben Sache. Als willenlose Drohkulisse („Druck von der Straße“) missbraucht, ist der nochmals zum Objekt herabgesetzte Anhänger, trällernd – brüllend – Bratwurst essend, Teil der Verhandlungsmasse, mit der „unsere Leute“ in den Parlamenten an die Regierung kommen wollen. Die Leute sollen „Dampf ablassen“ – um dann brav nach Hause zu gehen. Den Rest sollen sie die Spezialisten der höheren Ebene machen lassen – so wie sie es von der Arbeit gewohnt sind. Es reproduziert sich die alte, urbürgerliche Trennung in Führende und Geführte, die stets in erneuerte Herrschaft über die Massen mündet. Die Veränderung der Verhältnisse kann nur die revolutionäre Selbstveränderung, die revolutionäre Aktion der Massen selbst sein: Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie muß daher die Gesellschaft in zwei Teile – von denen der eine über ihr erhaben ist – sondieren. Das Zusammenfallen des Ändern[s] der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden. Die Trennung in reine Subjekte und bloße Objekte ist das Wesen auch der Verschwörungstheorie. Die einen ziehen die Strippen, an denen die anderen wie Marionetten hängen. Sie arbeitet wie alle Glaubensgemeinschaften mit exklusivem Zugang zu „Wissen“ (Flatrate nach oben) sowie dem an sich Bösen und dem an sich Guten (Teufel, Bush, CIA – Jesus, Münte, Germany). Auffällig ist, dass die Verschwörungen meist auf nationalistische und antisemitische Stereotype zurückgreifen, d. h. auf den gefährlichsten und am weitesten verbreiteten Denkmüll. Dazu passt, dass auch die Filmindustrie für ihre Gesellschafts- und Polit-Thriller keinen Ansatz mehr ausbeutet als diesen. Verschwörung ist kein Geheimtipp, sondern ein Blockbuster.

Den ganzen Text hier als pdf herunterladen:
Sag Nein zu Drogen!

Beweise

Frankfurter Rundschau, 3.4.2007

CO-2 Ausstoß
Unternehmen nutzen ihre Emissionsrechte nicht aus

Anzeichen für eine Überversorgung des europäischen Marktes mit CO-2 Emmissionsrechten haben deren Preise am Montag einbrechen lassen. Die Rechte für den Ausstoß einer Tonne des Treibhausgases in diesem Jahr kosteten gegen Mittag mit einem Euro rund 24 Prozent weniger als am Freitag. Schon zuvor war der Preis bis zu 30 Prozent gesunken.
Daten der EU für 2006 zeigen, dass Unternehmen einmal mehr ihre Emissionsrechte für Kohlendioxid nicht ausgenutz haben. So nutzten Industrie und Energiewirtschaft in Deutschland im vorigen Jahr nur Emissionsrechte für 477 Millionen Tonnen CO-2, obwohl ihnen 496 Millionen Tonnen zur Verfügung standen. Weniger CO-2 in die Atmospähre als erlaubt gaben auch Firmen aus Frankreich, Italien, den Niederlanden, Tschechien und Polen ab. Dagegen überschritten Briten und Spanier die Quoten.“

Das ist ja toll. Der Ausstoss von CO-2 nahm 2006 zu (siehe vorheriger FR-Artikel) obwohl er aus ökologischen Gründen drastisch gesenkt werden müsste, und trotzdem werden nicht alle Emissionsrechte genutzt. D.h. die Rechte sind so kalkuliert worden, dass der Ausstoß weiter kostenlos oder höchstens gegen eine geringe Gebühr zunehmen kann. Dieses grandiose Sytem zum Klimaschutz im Kapitalismus funktioniert auf die vorhersehbare (siehe unseren ersten Text auf dieser Seite) – weil einzig mögliche – Weise: Gar nicht.

Wir haben es ja schon immer gesagt…

Frankfurter Rundschau, 31.3.2007:

„CO 2 – Ausstoß
Deutschland fällt bei Klimaschutz zurück
Der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO 2) ist 2006 in Deutschland um 0,6 Prozent gestiegen. Hauptgrund sei das um 2,5 Prozent erhöhte Wirtschaftswachstum, teilte das Umweltbundesamt (UBA) am Freitag mit. Allein die Industrie habe im Vorjahr 4,2 Millionen Tonnen (plus 5,4%) mehr CO 2 emittiert als im Vorjahr. 2006 wurden 878 Millionen Tonnen CO 2 ausgestoßen. „Der europaweite Wirtschaftsaufschwung wird den Kohlendioxid-Ausstoß weiter erhöhen. Wir müssen daher beim Klimaschutz zulegen“, warnte UBA-Präsident Andreas Troge. Laut BBC legte der CO 2 Ausstoß in Großbritannien 2006 um 1,25 % zu.“

Höherer Ausstoß und gleichzeitig beim Klimaschutz zulegen? Das ist so logisch wie bei erhöhter Geschwindigkeit langsamer fahren. Aber er meint wohl was anderes.