Opium für’s Volk

…dazu verkommt Marx bei der Rechten wie Linken, wehren kann er sich ja nicht mehr. Der kleine Unterschied ist einer ums Ganze, der zwischen historisch-materialistischer Wissenschaft und Weltverschwörung. Alle Kritik beginne mit der Kritik der Religion, so Marx, weil erst damit der lebendige, tätige, irdische Mensch zum Gegenstand der Kritik werde. An die Stelle der Spekulationen über phantastisch-sinnlose Gestalten – Götter – sollte die Analyse ihres weltlichen Entstehungsprozesses treten. Die Kritik der Religion war mit Feuerbach daher nicht erledigt. Ihre theoretische Vollendung wurde erst möglich, nachdem Marx das himmlische Leben nicht nur als Produkt des weltlichen, sondern dieses zugleich als zerrissenes, widersprüchliches und daher des himmlischen Beistands bedürftiges erkannte: Diese [die weltliche Grundlage] selbst muß also in sich selbst sowohl in ihrem Widerspruch verstanden als praktisch revolutioniert werden.
Der Pfaffe wird überall da gerne gesehen, wo Menschen schwach sind. An den Rändern des Daseins, wo Elend und kein Wissen ist, wird Glauben sein. Seit jeher bestimmt sich Religion negativ als der Bereich, wo nicht mehr gewusst wird. Sie ist ein Anhängsel des Wissens. Dass, anders als vielfach vorhergesagt, die Menschen von Religion sich nicht befreit haben, stattdessen Religionsfreiheit verteidigen, liegt an den keineswegs durchsichtiger und menschenfreundlicher gewordenen Verhältnissen. Im Gegenteil. Die gewachsene Macht der Gesellschaft über die Natur ist erkauft mit der Ohnmacht des Einzelnen und der vollständigen Unterwerfung unter das Kapital.
Die existenziellen Ängste sind nicht beseitigt: Die vor der eigenen Vernichtung durch das Kollektiv, Folter, Krankheit, Ausschluss, Obdachlosigkeit, Hunger. Die bürgerliche Gesellschaft ist die unübersichtlichste Veranstaltung, die die Menschheit je zu Stande gebracht hat. Sie ist nicht nach einem Plan, sondern naturwüchsig, chaotisch, entstanden, wenn auch (im Rückblick) nicht zufällig. Ihre Ökonomie funktioniert bis heute nach Gesetzmäßigkeiten, die sich unabhängig vom Wissen und Wollen der Menschen durchsetzen, die niemand zu kennen braucht und die in der Tat, bis Marx, auch der Wissenschaft verborgen blieben. Um z. B. Geld zu brauchen, musste man nicht wissen, was Geld ist. Mehr noch. Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse sorgen dafür, dass ihr Wesen ganz verkehrt erscheint. So heißt es im ersten Band des „Kapital“: Diese imaginären Ausdrücke entspringen jedoch aus den Produktionsverhältnissen selbst. Sie sind Kategorien für Erscheinungsformen wesentlicher Verhältnisse. Daß in der Erscheinung die Dinge sich oft verkehrt darstellen, ist ziemlich in allen Wissenschaften bekannt, außer in der politischen Ökonomie. Wenn Wesen und Erscheinung zusammenfielen, so Marx an anderer Stelle, wozu dann Wissenschaft? Der Augenschein ist der Grund der meisten schier unausrottbaren Irrtümer: Die Sonne drehe sich um die Erde, die Erde sei eine Scheibe, Ratten übertrügen die Pest. Es bedurfte der Wissenschaft, um das Gegenteil und damit das wirkliche Verhältnis zu enthüllen. Zu den Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Produktionsweise gehört das Anwachsen des gesellschaftlichen Reichtums auf dem einen, das Anwachsen von Ohnmacht, Unwissenheit, Armut und Brutalität auf dem anderen Pol. Das sieht man. Warum das so ist, sieht man nicht. Darum sind die Scheinlösungen des Problems, von Nächsten- und Vaterlandsliebe, über Grundgesetz und Grönemeyer, bis Papst und Pups, nicht totzukriegen. Statt über den Grund für das permanente Scheitern nachzudenken, reiht man Gestaltungsvorschlag an Reformidee und veranstaltet Protestlindwürmer (ver.di) bis der Notarzt kommt. Sie haben nichts verstanden. In Sachen politischer Ökonomie regrediert die Menschheit auf eine längst überschrittene Stufe, der Rückkehr der Kosmologie zum Ptolemäischen Weltbild vergleichbar. Das ganze Spektrum der modernen Philosophie, ökonomischen und politischen Theorie etc., bildet sich aus hunderten kläglichen Versuchen, die immer selbe Frage zu beantworten: Wie lassen sich die auf der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft chaotisch erscheinenden Phänomene in einen systematischen Zusammenhang setzen? Das Scheitern dieser Versuche lässt sich meist daran erkennen, dass Zusammenhänge zwischen verschiedenen Phänomenen erschlichen werden. An einem Punkt der Theorie wird die begründete Entwicklung unterbrochen und unvermittelt, durch Analogie, Kurzschluss oder sprachliche Tricks, ein Phänomen eingeschmuggelt, dessen Notwendigkeit aus dem bisher gegebenen gar nicht ersichtlich ist. Verpasst man diesen Ausgang, dann bleibt man leicht in dem flott weitergesponnenen Garn dieser „Esos“ hängen. Hier sammelt sich alles Unappetitliche und von der Geschichte bereits ausgeschiedene: Antisemiten, Faschisten, Pfaffen, Speichellecker aller Art, Demokraten, Ökonomie-Doktoren, schließlich auch Sozialisten und Verschwörungstheoretiker. Sie tun sich groß mit dem Verbreiten ihrer eigenen Unwissenheit, dünken sich dabei allesamt kritisch, ohne jemals wenigstens die einfachsten ökonomischen Verhältnisse zu begreifen. In vieler Hinsicht sind sie untereinander kompatibel. Opium für´s Volk (Von den Toten Hosen über die Böhsen Onkelz bis hin zu DKPlern), so lautet die älteste Kritik an Religion, welche damit zu einer Verschwörung der Priesterkaste wird. Sie ist die erste Verschwörungstheorie und zugleich selbst eine moderne Religion. In ihr dreht sich alles um den großen Unbekannten, der irgendwo im Verborgenen sein Unwesen treibe. Sie ist der Opiumersatz des Atheisten, weil sie von eigener Verantwortung entlastet (das Kapital lenkte, Hitler log), von anstrengender Denkarbeit enthebt und in die Wärme einer eingeweihten Gemeinschaft führt. Religion ist das Opium des Volks – mit Marx beginnt die Kritik auch der Verschwörungstheorie.
Der Verschwörungstheoretiker drängt sich zusammen mit dem Paffen überall dort hinein, wo sich rationale Erklärungen nicht (oder nicht sofort) finden lassen oder schwer zu akzeptieren sind. Er beutet das subjektive Bedürfnis nach Schuldzuweisung und Bestätigung der eigenen Vorurteile aus. Aber er drängt nicht nur, er wird auch sehnsüchtig erwartet. Der kleine Mann (DKP), zu dem auch Sozialisten heute das Proletariat machen, wird zum bloßen Objekt der Geschichte herabgesetzt, um sich zugleich als dessen mitfühlender Anwalt und Fürsprecher anzubieten. Der Guru und Die Partei sind nur zwei Gestalten ein und derselben Sache. Als willenlose Drohkulisse („Druck von der Straße“) missbraucht, ist der nochmals zum Objekt herabgesetzte Anhänger, trällernd – brüllend – Bratwurst essend, Teil der Verhandlungsmasse, mit der „unsere Leute“ in den Parlamenten an die Regierung kommen wollen. Die Leute sollen „Dampf ablassen“ – um dann brav nach Hause zu gehen. Den Rest sollen sie die Spezialisten der höheren Ebene machen lassen – so wie sie es von der Arbeit gewohnt sind. Es reproduziert sich die alte, urbürgerliche Trennung in Führende und Geführte, die stets in erneuerte Herrschaft über die Massen mündet. Die Veränderung der Verhältnisse kann nur die revolutionäre Selbstveränderung, die revolutionäre Aktion der Massen selbst sein: Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie muß daher die Gesellschaft in zwei Teile – von denen der eine über ihr erhaben ist – sondieren. Das Zusammenfallen des Ändern[s] der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden. Die Trennung in reine Subjekte und bloße Objekte ist das Wesen auch der Verschwörungstheorie. Die einen ziehen die Strippen, an denen die anderen wie Marionetten hängen. Sie arbeitet wie alle Glaubensgemeinschaften mit exklusivem Zugang zu „Wissen“ (Flatrate nach oben) sowie dem an sich Bösen und dem an sich Guten (Teufel, Bush, CIA – Jesus, Münte, Germany). Auffällig ist, dass die Verschwörungen meist auf nationalistische und antisemitische Stereotype zurückgreifen, d. h. auf den gefährlichsten und am weitesten verbreiteten Denkmüll. Dazu passt, dass auch die Filmindustrie für ihre Gesellschafts- und Polit-Thriller keinen Ansatz mehr ausbeutet als diesen. Verschwörung ist kein Geheimtipp, sondern ein Blockbuster.

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Sag Nein zu Drogen!