Vom Protest zum Widerstand – Von der Tragödie zur Farce

Der Frankfurter Flughafen wird ausgebaut, im Norden bei Kelsterbach wird Wald für eine weitere Landebahn gerodet, im Süden bei Walldorf werden nach dem bereits 2007 erfolgten Bau der A380-Halle neue Frachtflächen betoniert, wenig später ein riesiges drittes Terminal entstehen. Die Ausbaugegner geben Durchhalteparolen aus, dabei ist die Niederlage der Bürgerinitiativen und Anliegergemeinden absehbar total, nennenswerte Rücksichten auf andere als unmittelbar ökonomische Interessen haben weder die Planungsbehörden noch die Landesregierung, weder Fraport noch die Gerichte genommen. Der rechte Flügel der Bürgerinitiativen war nach dem Ende der juristischen Auseinandersetzungen kleinlaut geworden, wenn er auch nicht aufhörte, sich im Recht zu fühlen. Mit der Zahl der Instanzen wächst die Narrenfreiheit. Da das europäische Recht noch weniger bekannt ist als das deutsche, lässt sich umso besser von seinen wohltuenden Wirkungen träumen. Der linke Flügel bemühte sich unterdessen, seine Agitation zu radikalisieren, redete immer häufiger von Profit, Kapitalismus oder der totalen Verwertung. In blanker Panik griff man nach allem, was zur Hand war. Doch der Inhalt ging nach wie vor nicht über die Phrase hinaus. So wenig sie den Gegenstand trifft, so wenig erfolgreich ist die durch sie geleitete Praxis. Der Vorteil der auf diese Weise und durch den Polizeirummel wie Fliegen vom Licht Angelockten bestand darin, von gar nichts eine Ahnung gehabt zu haben. Sie landeten ohne Umwege bei den dümmsten populistischen Phrasen vom Wort- und Rechtsbruch durch Koch und Fraport und brachten ihre radikalen Fibelweisheiten unter die im Matsch hockenden Gitarren- und Tamburinspieler.
Sie ist total auch deshalb, weil sie die Vernichtung der Bewegung gegen die Startbahn 18 West besiegelt, zu deren Inhalten und Resultaten sie niemals ein kritisches Verhältnis einzunehmen verstanden. Zwischen Scylla und Charybdis, Dämonisierung und besinnungsloser Identifikation führte kein Weg hindurch. Anhand des Flughafenausbaus wird beeindruckend demonstriert, was Diktatur des Kapitals bedeutet, aber auch, dass Schläge auf den Kopf eben nicht die Einsichtsfähigkeit fördern, sondern höchstens den Blutdruck. Was zwischen 1977 und 1982 als Tragödie sich abspielte, wiederholte sich 2008 als Farce. Der Citoyen trat erneut dem Citoyen in Uniform, der Bourgeois dem Bourgeois in Nadelstreifen, die „Menschen der Region“ ihren eigenen, organisierten und von ihnen getrennten Gestalten gegenüber: Der ökonomischen und politischen Gewalt. Was aber damals als Naivität und berechtigte Illusion passieren konnte, ist heute vorsätzliche Realitätsverweigerung, was Mut und Aufrichtigkeit war, ist Verstocktheit und Verweigerung gedanklicher Reflexion geworden. Was den Linken unter den Bürgerinitiativen vorzuwerfen ist, ist nicht die erneute Niederlage, es ist die Tatsache, dass sie sich in keinem Augenblick darüber Rechenschaft ablegten, was ihre Aufgabe und was ihre Möglichkeiten waren. Dass sie mit 30 Jahren Widerstand gegen den Flughafenausbau, 30 Jahren Niederlage nicht mehr anzufangen wussten als weiter so. Da will isch am liebste glei wieder raus in de Wald, wenn isch des hör, dröhnte es 1999 auf einer Veranstaltung Frankfurter Autonomer zum Ausbauprojekt, in Gedanken bauten BI-ler schon wieder Hüttendörfer, wurde alte Unterstützer wieder ausgegraben: lebt denn der Udo Lindenberg noch? Während also die Linken das Wiederaufleben vergangener Tage herbeiträumten, der besten Tage ihres zunehmend überflüssigen Daseins, versteifte der rechte Flügel sich von Beginn an auf die Sackgasse der juristischen Auseinandersetzung, schuldig gewordene Romantik und Philistertum. Sie gefielen sich in Bilderproduktion, aktionistischem Budenzauber und Nadelstichaktionen, die gängige mediale Manipulationspraxis auf niedrigem Niveau bewusstlos nachahmend, die Menschen zur Manövriermasse machend und auf diese Weise bestätigend, dass man mehr als ein Schatten der Bewegung gegen die Startbahn 18West nicht zu sein wusste, in kleinbürgerlicher Kraftmeierei andererseits engagierte er „die besten Anwälte“, Gestalten, deren Denk- und Aktionsradius über die juristische Ideologie, bzw. den Gerichtsaal nicht hinausgeht und für deren große Auftritte Gerichte und Planungsbehörenden eigene Tagesordnungspunkte zu führen pflegen – TOP 2: Dampf ablassen. Gemeinsam produzierte und attestierte man die Entmündigung der vielen. Wer in die Gesichter sah, welche die ebenso eitlen wie wirkungslosen Auftritte dieser Stars begleiteten, der mag begreifen, wie weit der Weg aus dieser Entfremdung ist, deren vorerst letztes Produkt der Protestautomat ist, ein Computerprogramm, entsprungen den Träumen eines Rechtsanwalts, das Einwendungen gegen Großprojekte per Knopfdruck erstellt. Wie praktisch.

Während die Fraport AG ihre Macht vervielfacht hatte, überproportional noch zu ihrem Umsatz, war man auf Seiten der Ausbaugegner offenbar der Meinung, man könne sich das Denken diesmal gleich ganz ersparen und müsse nur mehr mit der Organisation des Widerstandes beginnen. Und so versetzte man sich zu keiner Zeit in die Lage, vom Unmittelbarsten, der Rodung von 360 Hektar Wald, eine Schneise zur Totalität der Gesellschaft und ihrer vernichtenden Kritik zu schlagen, den Flughafenausbau als Moment der Entwicklung der gesellschaftlichen Totalität zu begreifen. Stattdessen kam man zum Bündnis der getrennten Kämpfe. Die Kohärenz der Wirklichkeit bewusst zu machen und so die erscheinenden Teilungen aufzuheben und zum Gegenstand einer aufhebenden Praxis zu machen, dazu hätte es einer kohärenten Kritik bedurft. An ihre Stelle trat die äußerliche, abstrakte und darum dem Gegenstand fremde Vermittlung. Exemplarisch dafür die Initiative der Frankfurter Antifa (f), die einige Zeit die linke Szene des Rhein-Gebietes unter dem Banner eines Kampfes gegen „Ausgrenzung“ gegen den Flughafen zu vereinen suchte. Auf den hinteren Seiten des BI-Infos präsentierte man pflichtschuldig die überschaubaren theoretischen Texte einiger weniger, „Metropolenkonzepte“ und weitere Schmalhansgerichte aus der politisierenden Volxküche. Dies war wohlgemerkt kein besonderer Mangel dieses Protestes, sondern ist der Mangel aller derzeitigen Bewegungen, die Hauptschwäche der Unterentwicklung der revolutionären Bewegung in dieser Welt.

Die Positionen blieben so widersprüchlich wie widersinnig, Wahrheit nur eines, dass der Flughafenausbau neben fortschrittlichen auch besonders zerstörerische Momente beinhaltet, der Flugverkehr auf absehbare Zeit eine technische Gestalt besitzt, in der seine end- und bedingungslose Ausweitung vernünftig nicht gewollt werden kann. Auf die unmittelbare Betroffenheit, auf die konkretesten Ängste und Vorurteile spekulierend, versagten die Bürgerinitiativen selbst auf diesem Gebiet. Die Vertretung des engstirnigsten Interesses ist legitim, aber sie macht zu Recht dann misstrauisch, wenn sie als Interesse aller auftritt. Dass das Wachstum des besonders klimawirksamen Flugverkehrs unvereinbar ist mit der notwendigen und auch offiziell propagierten Reduzierung des CO2-Ausstosses wurde selbst dann nicht in den Mittelpunkt gestellt, als jedes Kind mit den Problem und seinen albernen offiziellen Patentlösungen belästigt wurde. Stattdessen berief man sich auf die Zerstörung des Waldes, die Absturzgefahr und vor allem den Fluglärm. Wie viel Zulauf soll man einer Bewegung wünschen, aus deren Mitte sich Argumente entspinnen wie jenes, man könne doch einen schönen neuen Großflughafen in der Wetterau bauen, da lebten nicht so viele Menschen, oder das, der Fluglärm beeinträchtigte die Schulkinder beim Lernen und der Ausbau müsse zur Wahrung der Chancengleichheit im globalen Konkurrenzkampf der Arbeitskräfte gestoppt werden? Es geht doch nichts über praktische Vernunft und elterliche Liebe.
Mittlerweile arbeitete ein Drittel der Bevölkerung der umliegenden Gemeinden am Flughafen, jeder Sportverein, jede Partei, jeder Kindergarten und jeder Preisträger in der näheren Umgebung des Flughafens ist ein bezahlter Vorposten der Fraport AG geworden. Der Schein einer heilen Welt außerhalb des Flughafens war zerstört, man war selbst ein Teil des Flughafens und des Flugverkehrs geworden und die Niederlage im Kampf gegen die Startbahn West hatte die Kampfmoral der Masse gebrochen – zu Recht. Das widersprüchliche der eigenen Position, wie es seit den 70er Jahren geradezu handgreiflich geworden war, nötigte zur Reflexion, zur Radikalisierung der eigene Theorie und Praxis. Die Aufgabe, vor der die Bürgerinitiativen wirklich standen, war nicht die Verhinderung des erneuten Ausbaus des Frankfurter Flughafens, es war die Aufgabe, nach der grandiosen Niederlage im Kampf gegen die Startbahn 18 West eine neue theoretische und praktische Grundlage für Widerstand überhaupt zu suchen. Und diese Suche hätte mit der Analyse des Gegenstandes, so wie er sich im Jahr 2000 darstellte, beginnen müssen. Und auf diesem Wege hätten einige wenige mehr Aufklärung über – und schließlich Widerstand gegen – den Flughafenausbau entwickeln können, als die hundertfache Anzahl auf dem Weg, der schließlich beschritten wurde. Aber die Frage wurde nicht einmal ernsthaft gestellt, und so ist man 10 Jahre später kein bisschen klüger als zuvor, der Flughafenausbau noch immer ein unbegreiflicher Irrsinn, ein von Irren ins Werk gesetztes Verbrechen. Das Ende der Reflektion entpuppt sich als dessen Anfang, Identität des Begriffslosen, statt als entwickelter, reicher Begriff.

Während die alten BIs und alten Startbahn-Linken alte Wunden leckten und unmittelbar dort weitermachten, wo sie vor 20 Jahren aufgehört hatten, Sturheit mit Würde verwechselnd, machten sich andernorts Unbedarftere ans Werk, beschworen Kinder gebliebene Erwachsene mit kindischen Plakaten, Broschüren und Buttons eine zu einer kollektiven Krabbelstube regredierte Region im Widerstand herauf, die vor allem eines zu sein hatte: naiv, bunt, lustig und unheimlich kreativ, berechneten gescheiterte Betriebswirte die vermeintliche ökonomische Unsinnigkeit des Flughafenausbaus und beglückten die Welt mit eigenen Plänen für den Erfolg im Standortwettbewerb, träumten Kleinbürger mit IHK-Mitgliedsausweis von Gesprächen mit Fraport-Managern auf Augenhöhe. Sie konnten nicht genug davon bekommen, sich gegenseitig ihrer armselige Professionalität und gesellschaftliche Stellung zu versichern und das Objekt ihrer Balz mit PowerPoint-Präsentation und Hochglanzbroschüren in der Sprache der Manipulation, des positiven Denkens und der eigentümlichen Mischung aus Gemeinplätzen und Faktenhuberei zu beglücken – Grüße aus der Multitude. Die ideologische Spaltung der Bürgerinitiativen entlang dieser Szenegrenzen manifestierte sich in einem Streit um die Symbole der Bewegung, dem traditionellen, ein schmerzverzerrtes Gesicht unter einem Jet, schwarz auf gelb, und dem neu erfundenen, ein Kinderbuch-Männchen, das mit ausgestreckter Hand ein Spielzeugflugzeug stoppt, bunt auf bunt. Es spiegelte sich darin wider der Streit zwischen verstockter Identität mit der alten Bewegung einerseits, hemmungsloser Positivität und ängstlicher Abgrenzung andererseits. Er ersetzte die notwendige kritische Aufarbeitung der Geschichte der Startbahn-West-Bewegung und der Ursachen ihrer Niederlage und endete im faulen Kompromiss, jeder solle sich fortan den Button anstecken, den er bevorzuge. Verdrängung statt Klärung. Die Ideologie des Protestes gegen den Flughafenausbau war in nahezu allen ihren Ausprägungen reaktionär. Sie reichte von der naiven und technokratischen Begeisterung für kluge Verkehrskonzepte, der fetischistischen und nationalistischen Klage über wegfliegende Arbeitsplätze bis zum Öko-Anarchismus der Campbewohner, der, verwurzelt dogmatisch, die in der kapitalistischen Form des Fortschritts enthaltenen und in Freiheit zu setzenden Möglichkeiten zu einer höheren Form gesellschaftlicher Produktion und Konsumtion mit dieser Form selbst identifiziert und folglich sein Ideal in kleinen, primitiven, das universelle Bedürfniswesen Mensch verhöhnenden Gemeinschaften findet. Verdrängt haben die Bürgerinitiativen die deutlichsten Zeichen ihrer Schwäche. Bis zuletzt glaubten sie sich z.B., unerschüttert von der Kleinheit ihrer Kundgebungen und Demonstrationen und den Wahlerfolgen der vehementesten Ausbaubefürworter auf allen Ebenen, als Sprecher einer schweigenden Mehrheit. In Wahrheit waren sie nie mehr als deren schlechtes Gewissen, mit dem bekanntlich sich leben lässt. Hinter den 60 Mitgliedsgruppen des Bündnisses der Bürgerinitiativen standen in Wahrheit keine 20, die, wenn man genauer hinsah, im Schnitt nicht mehr als 1,5 aktive Mitglieder zählten. Der Schwindel aber wurde weiter betrieben, man log sich und denen, die man angeblich aufklären wollte, in Wahrheit nur manipulierte, etwas vor, in schlechter linker Tradition.

Mit dem Zank über die wirkliche Anzahl der Arbeitsplätze, mit welchen der Flughafenausbau die Region segnen würde, begaben sich die Bürgerinitiativen auf ein Feld, auf dem sie, der kapitalistischen Produktionsweise auch in Gedanken treu, gänzlich verloren waren. Denn es ist vor der Tatsache kein Entkommen, dass die Akkumulation des Kapitals das einzige ist, was der tendenziellen Vergrößerung der industriellen Reservearmee durch die wachsende Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit entgegenwirkt. Jeder weiß das, auch wenn er es nicht weiß. Es ist nicht die Kapitalakkumulation der Versuch des Kapitals, die industrielle Reservearmee aufzulösen. Es ist dies nur eine mögliche Folge, die vom Standpunkt des Kapitals nicht einmal wünschenswert ist. Im Begriff des Kapitals liegt, dass es in der Produktion des Mehrwerts, der Verwertung seines Werts den ersten Daseinsgrund besitzt, diese ist sein Lebenstrieb wie seine immanente Schranke. Wo es nicht die Bedingungen zur Auspumpung des Mehrwerts aus den Lohnarbeitern und zu dessen Realisierung auf dem Markt vorfindet, dort tritt es nicht auf, dort ist: Afrika und Abschwung Ost. In der Nörgelei über die Propaganda der großen Zahlen steckt zugleich das Eingeständnis, dass, wären sie wahr, man nichts einzuwenden hätte. Und jeder Sieg, den man hier errang, stärkte das Prinzip, gegen dessen Konsequenzen es opponiert. Noch so ein Sieg – und wir sind verloren.
Den Lohnabhängigen, die als Lohnabhängige vom Flughafen leben, traten die Bürgerinitiativen so als Dogmatiker entgegen, das Schicksal der Entscheidung zwischen Ökonomie und Ökologie nicht minder vertretend als die Fraport AG selbst. Den Widerspruch, in dem diese unmittelbar gefangen waren, lösten sie nicht einmal theoretisch. Was auf diese Weise ebenfalls nicht begriffen werden konnte, ist, dass der Flugverkehr eine zentrale Stellung in der industriellen Produktion erobert hat, dass der Frankfurter Flughafen für die Produktion der allgemeinen Produktionsbedingungen des regionalen Kapitals (und weit darüber hinaus) eine außerordentliche Bedeutung besitzt. Der Flugverkehr ist die technische Gestalt, in der das Kapital den Weltmarkt intensiv und extensiv erweitert hat. Wer über diesen nicht wohlfeil verfügen kann, der kann auf jenem nicht agieren, worauf die größten Kapitalien auf Leben oder Tod angewiesen. Und hier gilt wie überall, dass je größer die Konzentration des Kapitals ist, je größer das am Flughafen von Fraport und den Fluggesellschaften eingesetzte Kapital, desto wohlfeiler und wirkungsvoller ist diese Waffe im Kampf des Mord- und Exportweltmeisters Deutschland um die Weltmarktanteile. Wo man meinte, nur gegen die Interessen eines Kapitals zu kämpfen, kämpfte man tatsächlich gegen die Interessen der feindlichen Bruderschaft des gesamtdeutschen Kapitals. Und diese Interessen werden zwangsläufig von der Landes und auch – Bundesregierung vertreten. Die Fraport AG wird sich niemals ernsthafte Sorgen machen müssen über ihre Finanzen, ob der Ausbau nun 3, 6 oder 9 Milliarden Euro kosten wird. Er ist eine Aufgabe von nationalem Rang. Im bürgerlichen Staat, in seiner ökonomischen Existenz vom Kapital nicht weniger abhängig als jeder Lohnabhängige auch, seine Steuereinnahmen nur ein verwandelter Teil des von diesem produzierten Mehrwerts, sind die Gesetze entsprechend eingerichtet, die Richter unterrichtet, seine Politiker von dieser für diese Realität erzogen. Sie wissen, was zu tun ist, auch dann, wenn punktuell oder temporär einem größeren Teil ihrer Wählerschaft die Freiheit zur Einsicht in die Notwendigkeit fehlen sollte, dass Wald und Wiesen durch Beton und Gift ersetzt werden müssen. Wer dies nicht begreifen kann und über tatsächliche oder vermeintliche Verletzungen von Grundgesetzen jammert, der wird niemals begreifen, was in den Formalitäten in Parlament, Gerichtssaal und am Kabinettstisch vor sich geht. Die Regierungsverantwortung, an welcher so schwer zu tragen ist, ist die Verantwortung, die Verwertungsbedingungen, neben den allgemeinen Produktionsbedingungen wesentlich die konkrete Gestalt der Ware Arbeitskraft, zu optimieren, was die Minimierung des Widerstandes der Verwerteten einschließt. Demokratie unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen heißt nicht mehr – aber auch nicht weniger – als dass die Lohnabhängigen sich ihre eigenen Schinder wählen, in der Regierung wie am Arbeitsplatz. Dass die Schinder sich zur Wahl stellen müssen mäßigt ihre Herrschaft und produziert unter anderem jene unschuldige Heuchelei und überzeugte Verlogenheit, welche der modernen politischen Klasse eigen ist. Näher am Menschen statt l´état c´est moi.

Zur Verkennung der eigenen Aufgabe gesellte sich die Verkennung des Gegners, die Folge waren die grellsten Illusionen und die tollsten Missverständnisse. Der Größe des Gegners begegnete man mit der Kleinheit des Philistergeistes, der existentiellen Angst der Lohnarbeiter mit der manipulativen Phraseologie des Wahren Sozialismus, der Entschlossenheit des Angriffs mit der Bekundung der eigenen Harmlosigkeit. Es machte sich eine leere Tiefe breit, deren Grund das Tabu des Kapitals selbst war. Man kann nichts Wahres mehr sagen, ohne die Wahrheit über das Kapital zu entdecken. Statt einen kühnen Angriff auf die Totalität der kapitalistischen Produktionsweise zu wagen, suchte man Bündnisse mit Politikern, Pfaffen und Philistern, kraftlos und bereit zur jedem faulen Kompromiss vor allem Anfang. Diesen Protest, der ein Widerstand nie werden konnte, überwand das nationale Projekt Flughafenausbau ohne einen Kratzer. Wenn die Herrschaft des Kapitals total geworden ist, muss jede Bewegung, die nicht auf das Kapitalverhältnis selbst zielt, scheitern.
Eine Linke, die sich dieser Situation nicht bewusst wird und nicht aufhört, links zu sein statt zu beginnen, communistisch zu werden, wird nichts hinterlassen als geistige Verheerung und Hoffnungslosigkeit. Sie ist Trägerin eines Denkens, das, wenn es nicht resigniert, an sich selbst verrückt wird und stets die Gefahr noch birgt, sich an den Schwächsten zu kräftigen und seine Macht zu beweisen, statt reflektierend sich aufzuheben. Wo das Kapitalverhältnis alle Bereiche des Lebens durchdrungen hat, gibt es keine Stützpunkte mehr, von denen der Widerstand gegen einzelne Momente der Kapitalherrschaft ausgehen kann. Er muss von überall ausgehen und er muss die Umwälzung der ganzen Gesellschaft sein, deren theoretisch bestimmbares Ziel die planmäßige Regelung der Weltproduktion durch eine Assoziation der Produzenten ist, und in welcher allein sie ihr eine ihrer Natur und der Totalität ihrer Bedürfnisse angemessene Gestalt zu geben vermögen. Weit davon entfernt, den Kern des Konflikts zu begreifen, den falschen, in der kapitalistischen Produktionsweise aber wirklichen Gegensatz von Ökonomie und Ökologie aufzudecken, begann man so dumpf und sumpfig, wie es im Hüttendorf im Kelsterbacher Wald nun zu Ende geht. Der Protest auf Bäumen und in Hütten rückte dann ins Zentrum, als die Beteiligung an den Demonstrationen und Aktionen immer mehr abnahm. Und sie nahm umso mehr ab, umso näher die Entscheidung gerückt war. Ein Teil der Alten, die von Anbeginn von einem neuen Hüttendorf träumten und darin den „Stein der Weisen“ des Widerstands erblickten, glaubte, das Stadium völligen Realitätsverlustes erreicht habend, dass es nun endlich losginge. Dabei war der Widerstand der Kletterer und Campbewohner der folgerichtige Schlussakt, in dem der Protest der Profis ganz offen symbolisch wurde und als solcher von den übrig gebliebenen Zuschauern, die den Darstellern ab und zu Nahrung, Seile und warme Grüße zuwarfen, bestaunt werden durfte.
Die Stürmung des Hüttendorfes im Flörsheimer Wald im November 1981 gab das Signal zur Entscheidungsschlacht um den Bau der Startbahn 18West, die Räumung der Baumhäuser im Kelsterbacher Wald, wo das menschliche Leben auf die Bäume zurückgekehrt ist und mit ihm das Denken in seine Kindheitsperiode, wird nur mehr ein längst gefälltes Urteil über einen Bewegungszombie vollstreckt. Er war zum Fürchten – jetzt ist es hoffentlich vorbei.

Freundeskreis Weltcommunismus, Februar 2009


3 Antworten auf „Vom Protest zum Widerstand – Von der Tragödie zur Farce“


  1. 1 neo 13. Februar 2009 um 12:27 Uhr

    Was soll ich dazu sagen? Sehr guter Text!
    Ihr solltet wirklich mal überlegen eure Textproduktion auch einmal in einer Printversion unter die linksradikale Mischpoke zu bringen.
    Die anzuregende Reflektion der herrschenden linken Verhältnisse ist doch (gerade in Rhein-Main mit Nachtanzdemo, „Freiraum“, Baumhippies, etc. pp) viel zu notwendig, als das sie lediglich im quasi-Exil dieses erhellenden Blogs präsentiert werden darf!

    Drüber nachdenken… und bis später

  2. 2 waldbesetzung 18. Februar 2009 um 1:10 Uhr

    die Welt ist schlecht. Nun sehen wir den Sumpf in dem wir uns bewegen und nicht mehr herauskommen. Bitte zeige uns den Weg, erleuchte uns.

  3. 3 Holk the Hitman Woods 23. Februar 2009 um 14:33 Uhr

    Belege (Quelle FR von heute):
    Stimmen der Demonstranten (Auszüge):
    IT-Berater, 57, aus Rüsselsheim: „Der Widerstand hätte heftiger sein müssen, auch mit mehr Leuten. Er hat sich aber auf jeden Fall gelohnt. Immerhin hat er eine Verzögerung gebracht.“
    Besetzerin, Studentin, 29, aus Lüneburg: „Das Kelsterbacher Bürgerbegehren wird zeigen, dass das Stadtparlament nicht die Meinung in der Stadt repräsentiert. Die Anwohner haben gemerkt, dass ohne uns der Widerstand kleiner gewesen wäre. In der langen Bauphase ist noch Zeit für kreative gewaltfreie Aktionen. Ich werde mich weiterhin engagieren.“
    Besetzer, 20, mehr verrät er nicht: „Der Wald ist gerodet, jetzt wird gebaut. Wir wollen es der Fraport aber nicht leicht machen. Gelohnt hat sich der Kampf auf jeden Fall. Der Widerstand ist wieder am Aufblühen, dazu haben wir beigetragen.“

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